Ist etwas neu für das Gehirn, fällt das Lernen leichter und das Gedächtnis wird aktiviert. Prasselt aber zu viel Neues auf uns ein, geht oft gar nichts mehr. Der Neurowissenschaftler Professor Emrah Düzel erklärt, warum das so ist und welche Rolle der Botenstoff Dopamin dabei spielt.
Neue Informationen verbessern die Gehirnleistung, wie funktioniert das?
Eine neue Umgebung stimuliert für eine kurze Zeit von etwa 30 Minuten unser Gehirn und fördert das Lernen. Allerdings gibt es keine absolute Maßeinheit für Neuheiten im Gehirn. Vielmehr existiert eine Art Neuheitsregler, der wie ein Thermostat an der Heizung funktioniert. Er bestimmt, wie stark das Gehirn angeregt wird.
Während der Heizungsthermostat von der Außentemperatur gesteuert wird, wird der Neuheitsregler im Gehirn von unserer Erwartung voreingestellt. Erwarten wir in einer Umgebung viel Neues, wird der Regler runter gefahren, damit das Gehirn nicht zu stark aktiviert wird. In einer Umgebung mit vielen bekannten Dingen, wird der Neuheitsregler hoch gefahren, so dass wir auf geringe Veränderungen stärker reagieren.
Warum reagiert man bei Informationsüberflutung wie gelähmt?
Bei einer Reiz- oder Informationsüberflutung fährt der Neuheitsregler runter. Das hat Folgen: die Förderung des Lernens und die Motivation zu Bewegung und Erkundung werden gedrosselt.
Können wir bei Reizüberflutung den Regler neu einstellen?
Gesunden Erwachsenen hilft zum Beispiel bei familiärer oder beruflicher Überforderung nur: Raus aus der Reizüberflutung hin zur Ruhe. Man sollte sich also eine passende Auszeit gönnen, damit sich der Neuheitsregler wieder regenerieren kann.
Welche Rolle spielt dabei der Botenstoff Dopamin?
Neuheiten setzen den Botenstoff Dopamin frei. Dies geschieht in Hirnarealen, die für die Gedächtnisbildung zuständig sind (Hippocampus) und im Mittelhirn. Dort sind es Bereiche, die den Menschen motivieren, sich zu bewegen und das Neue zu erkunden. Das Dopaminsystem verknüpft also das Gedächtnis und die Areale, die den Menschen motivieren sich zu bewegen.
Kann man diese neue Erkenntnis im Alltag nutzen, um das Gedächtnis zu unterstützen?
Neuheit, Bewegung und Erkundungsverhalten führen bei Tieren dazu, dass neue Nervenzellverbindungen, zum Teil auch neue Nervenzellen selbst, entstehen, vor allem im Gedächtnisareal Hippocampus. Da dies auch im menschlichen Gehirn passiert, kann dieser Mechanismus gegen Gedächtnisstörungen im Alter eingesetzt werden.
Ich empfehle, täglich spazieren oder joggen zu gehen. Dabei sollte man nicht immer die gleichen Wege gehen, sondern neue Routen erkunden. Wenn das Lernen durch Neues verbessert werden soll, muss jedoch der Spagat geschafft werden, Neuheit ohne Störinformation zu finden.
Am besten ist es, in einer Zeitschrift neue Bilder zu betrachten – ohne die zugehörigen Texte zu lesen. Diese Stimulation des Gedächtnisses wirkt allerdings nur etwa 30 Minuten lang.
Was kann man tun, um sein Gedächtnis längerfristig zu verbessern?
Die Beschäftigung mit dem Internet und das Lesen von neuen Texten können langfristig das Dopaminsystem, den Hippokampus und andere gedächtnisrelevante Areale stimulieren. Optimal wäre es, kurzfristige und langfristige Mechanismen miteinander zu kombinieren: Kurz vor dem Wiederholen von Vokabeln neue Bilder angucken und häufiger mal neue Texte lesen und sich mit neuen Inhalten beschäftigen, etwa im Internet oder in Museen.