Cannabis bei Spastik und Muskelkrämpfen
2026-05-13
Medizinisches Cannabis führt bei Patienten mit Spastik oder Muskelkrämpfen (Spasmen) zu keiner messbaren Verbesserung der körperlichen Funktion. Begleitsymptome wie Schlafstörungen, Schmerzen und Fatigue (Erschöpfung) können jedoch signifikant gelindert werden. Das zeigt eine longitudinale Beobachtungsstudie zur Wirksamkeit und Verträglichkeit verschiedener Cannabispräparate.
Die Analyse basiert auf longitudinalen Daten aus der australischen CA Clinics Observational Study (CACOS). Für die Verträglichkeitsanalyse wurden die Daten von 150 Patienten ausgewertet (79 w, 71 m; Ø Alter 50,4 Jahre). Die Wirksamkeitsanalyse zur gesundheitsbezogenen Lebensqualität (PROMIS-29-Fragebogen*) umfasste eine Subgruppe von 78 Patienten (39 w, 39 m, Ø Alter 49,9 Jahre) mit Spastik (n=33) bzw. Spasmen (n=45).
Ergebnisse
Entgegen den Erwartungen und im Gegensatz zu einigen früheren Studien zu Präparaten wie Nabiximols** zeigte sich in allen untersuchten Produktgruppen (Cannabidiol (CBD)-dominant, Tetrahydrocannabinol (THC)-dominant, ausgewogen, reine Isolate) keine statistisch signifikante Verbesserung der körperlichen Funktionsfähigkeit. Bei den Begleitsymptomen ergaben sich hingegen signifikante Effekte, abhängig vom Krankheitsbild und Wirkstoffprofil:
- Patienten mit Spastik: Signifikante Verbesserungen von Schlafstörungen, Fatigue und Schmerzintensität traten ausschließlich unter reinen CBD-Produkten auf. Die schmerzbedingte Alltagsbeeinträchtigung besserte sich signifikant sowohl unter reinen CBD als auch unter THC-dominanten Produkten.
- Patienten mit Spasmen: Signifikante Verbesserungen von Schlaf, Fatigue und Schmerzen traten in mehreren Produktkategorien auf: ausgewogene, CBD-dominante oder THC-dominante Präparate.
Verträglichkeit
Die Autoren bewerten das Sicherheitsprofil der Medikation als insgesamt günstig. Rund 63 % der behandelten Patienten berichteten mindestens eine Nebenwirkung; am häufigsten traten Mundtrockenheit (27,9 %), Schläfrigkeit (21,7 %) und Fatigue (9,4 %) auf. Der Anteil ist vergleichbar mit oder sogar niedriger als unter konventionellen pharmakologischen Therapien wie Botulinumtoxin (67 %) oder oral verabreichtem Baclofen, bei dem in Studien bis zu 75 % Nebenwirkungsraten beschrieben wurden.
Dass sich die muskuläre Spastik bzw. die Frequenz der Krämpfe nicht signifikant verbesserte, führen die Autoren auf drei mögliche methodische und klinische Faktoren zurück:
-
Mögliche Unterdosierung:
Die verwendeten medianen Tagesdosen waren niedrig. Patienten, die ausgewogene Präparate verwendeten, nahmen im Median nur etwa 14,5-15 mg CBD und 14,5-20 mg THC pro Tag ein. Dies entspricht ungefähr der Hälfte der Tageshöchstdosis von Nabiximols (30 mg CBD und 32,4 mg THC). Für eine messbare muskelrelaxierende Wirkung könnten diese Dosen möglicherweise nicht ausgereicht haben. - Fehlende krankheitsspezifische Messinstrumente:
Zur Wirksamkeitserfassung wurde der PROMIS-29 eingesetzt, ein Instrument zur Erfassung der allgemeinen gesundheitsbezogenen Lebensqualität. Da keine spezifischen neurophysiologischen Skalen erhoben wurden, konnte die Ausprägung der Spastik und der Krampfhäufigkeit nicht direkt bzw. mit ausreichender Sensitivität erfasst werden. - Geringe Stichprobengröße:
Die Subgruppen waren mit 33 bzw. 45 Patienten relativ klein. Die Analysen waren daher möglicherweise nicht ausreichend statistisch gepowert ("underpowered"), um relevante Veränderungen in der körperlichen Funktionsdomäne zuverlässig nachzuweisen.
Fazit für die Praxis
Auch wenn Cannabis in den hier dokumentierten Dosierungen die primären motorischen Einschränkungen nicht objektiv verbessert, kann es bei Patienten mit Spastik oder Spasmen zur Linderung belastender Begleitsymptome wie Schmerzen und Schlafstörungen beitragen. Damit kann medizinisches Cannabis als ergänzende Therapieoption zur Verbesserung der Lebensqualität in Betracht gezogen werden – insbesondere, wenn konventionelle Muskelrelaxanzien nicht ausreichend wirksam sind oder schlecht vertragen werden.
*Patient Reported Outcomes Measurement Information System (PROMIS) 29-Item-Profil (v2.0) questionnaire. Der Fragebogen erfasst das körperliche, psychische und soziale Wohlbefinden in 7 Domänen.
**Nabiximols enthält standardisierte Gehalte an Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidol (CBD) in einem annähernd 1:1-Verhältnis.
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