Johanniskraut

Johanniskraut bei depressiven Jugendlichen: Neue Daten aus Deutschland

2026-10-12
Detail-Ansicht von Johanniskraut-Blüten

Eine retrospektive Kohortenstudie liefert Einblicke in die antidepressiven Verordnungsmuster bei fast 10.000 Jugendlichen in Deutschland. Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), insbesondere Fluoxetin, waren erwartungsgemäß die am häufigsten verordnete Wirkstoffklasse. Bemerkenswert ist der Einsatz von Johanniskraut-Präparaten.

Methode

Ausgewertet wurden Daten der IQVIA Disease Analyzer-Datenbank von 9.724 Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren. Sie hatten zwischen 2010 und 2023 bei Kinder- und Jugendpsychiaterinnen bzw. -psychiatern in Deutschland erstmals die Diagnose einer depressiven Episode oder rezidivierenden depressiven Störung erhalten (ICD-10: F32, F33). Die Ergebnisse bilden Verordnungsrealitäten ab, erlauben aber keine Rückschlüsse auf die Gründe der individuellen Therapieentscheidung.

Verordnungen im Versorgungsalltag 

Innerhalb von zwölf Monaten nach Diagnosestellung erhielten 61 % der Jugendlichen mindestens ein Antidepressivum. Über alle Schweregrade wurden am häufigsten SSRIs verordnet. Fluoxetin – als einziges für Minderjährige zugelassenes SSRI – war der am häufigsten verordnete Wirkstoff, gefolgt von Sertralin und Escitalopram. Die Verordnungsrate nahm mit dem Alter deutlich zu: von 39,5 % bei 13-Jährigen auf 70,2 % bei 17-Jährigen. Auch psychische Komorbiditäten, etwa Ess- oder Zwangsstörungen, waren mit einer höheren Wahrscheinlichkeit für eine antidepressive Verordnung assoziiert.

Johanniskraut-Verordnungen

Johanniskraut wurde bei folgenden Schweregraden verordnet:

  • leichte Depression: 3,6 %
  • mittelschwere Depression: 13,3 %
  • schwere Depression: 9,7 %

Besonderheit des deutschen Versorgungskontexts

Im internationalen Vergleich scheint Johanniskraut in Deutschland eine größere Rolle zu spielen. Johanniskraut-Arzneimittel sind hierzulande zur Behandlung leichter bzw. leichter bis mittelschwerer depressiver Episoden bei Erwachsenen zugelassen. Klinische Studien und Meta-Analysen bei Erwachsenen zeigen für standardisierte Johanniskraut-Extrakte eine Überlegenheit gegenüber Placebo sowie eine teilweise mit synthetischen Antidepressiva vergleichbare Wirksamkeit. Bei Jugendlichen ist die Evidenzlage jedoch begrenzt. Erste Studien deuten bei leichten Depressionen auf eine Wirksamkeit und gute Verträglichkeit hin; eine Übertragung der Daten aus Erwachsenenstudien ist nur eingeschränkt möglich. Da für Minderjährige nur wenige Antidepressiva zugelassen sind, spielen zudem Off-Label-Verordnungen – insbesondere bei SSRI außerhalb von Fluoxetin – eine wichtige Rolle.

Fazit für die Praxis 

SSRI bleiben bei Jugendlichen mit depressiven Störungen die dominierende Wirkstoffklasse. Die Daten zeigen jedoch, dass Johanniskraut ebenfalls eingesetzt wird – besonders bei mittelschwer kodierten depressiven Episoden. Die Befunde verdeutlichen, dass die medikamentöse Behandlung depressiver Jugendlicher keinem einheitlichen Schema folgt. Eine individualisierte Therapieentscheidung, die Alter, Schweregrad und bestehende Komorbiditäten einbezieht, bleibt daher unerlässlich. 

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