Cranberry

Nicht-antibiotische Prävention rezidivierender Harnwegsinfekte – ein Praxis-Update

2026-09-08
Detail-Ansicht von einem Cranberry-Strauch

Angesichts zunehmender Antibiotikaresistenzen gewinnen nicht-antibiotischen Strategien zur Prävention rezidivierender Harnwegsinfektionen (rHWI) zunehmend an Bedeutung. Zu den am besten untersuchten Ansätzen zählen Cranberry-Präparate; daneben kommen in der Praxis auch Immunstimulanzien, Nahrungsergänzungsmittel, Probiotika und verschiedene Verhaltensmaßnahmen zum Einsatz.

Für viele dieser Strategien ist die Evidenzlage jedoch methodisch limitiert oder uneinheitlich.

Viele potenziell hilfreiche Maßnahmen lassen sich daher bislang nicht eindeutig in Leitlinien verankern, was im Praxisalltag häufig zu Unsicherheit führt. Umso wichtiger ist die gemeinsame Entscheidungsfindung mit der Patientin (Shared Decision-Making), um individuelle Präferenzen, Erwartungen und die jeweilige Datenlage angemessen zu berücksichtigen. 

Ein Scoping-Review analysierte Expertenempfehlungen und die zugrundeliegende Evidenz zu nicht-antibiotischen Präventionsstrategien bei prämenopausalen Frauen. Dies sind die wesentlichen, praxisrelevanten Erkenntnisse:

  • Cranberry
    Cranberry-Produkte gehören neben Antibiotika zu den am intensivsten untersuchten Maßnahmen zur Prävention von rHWI – ein aktueller Cochrane-Review umfasst mittlerweile 50 klinische Studien. Dabei hat sich die Evidenzlage im Laufe der Zeit gewandelt: Während frühere Versionen des Reviews nur begrenzte Belege für die Wirksamkeit fanden, unterstützen die neuesten Daten den Einsatz von Cranberry-Produkten bei rHWI ausdrücklich. Trotz dieser umfangreichen und wachsenden Forschungsbasis ist die Einigkeit unter Experten mit 19 % Übereinstimmungsindex erstaunlich gering.
  • Nahrungsergänzungsmittel & Probiotika
    Präparate wie D-Mannose, Laktobazillen (Probiotika) oder Vitamin C und D werden häufig empfohlen. Die Rationale der Experten stützt sich dabei meist auf theoretische Wirkmechanismen, nicht auf klinische Wirksamkeitsnachweise. Bei D-Mannose ist der Expertenkonsens mit 12 % besonders niedrig.
  • Immunstimulanzien (Impfstoffe)
    Neben oralen Präparaten umfassen die Strategien auch vaginale Präparate, Injektionen, intranasale Impfstoffe sowie sublinguale Sprays. Experten begründen ihre Anwendung primär mit Argumenten zur Wirksamkeit.  Dennoch ist das Meinungsbild in der Fachliteratur sehr heterogen, die Empfehlungen reichen von "neutral" bis "kann empfohlen werden".
  • Weitere Alternativen
    Auch zur Anwendung eines Harnwegsantiseptikums (Methenaminhippurat) oder von intravesikalen Instillationen (z. B. Hyaluronsäure) besteht kein einheitlicher Expertenkonsens hinsichtlich einer generellen Empfehlung.
  • Verhaltensänderungen  
    Verhaltensänderungen (Trinkmenge, Miktion nach dem Geschlechtsverkehr, richtige Wischtechnik beim Toilettengang) gelten häufig als risikoarme First-Line-Strategien. Die Empfehlungen basieren fast ausschließlich auf Expertenmeinung und klinischer Erfahrung, da sich solche Alltagsinterventionen kaum im Rahmen randomisierter kontrollierten Studien (RCTs) untersuchen lassen. Einige Leitlinien bezeichnen Strategien wie die Postkoital-Miktion sogar als "Mythen". Fehlende Studienevidenz macht diese Ansätze jedoch nicht per se ungültig – sie erfordert lediglich eine transparente Aufklärung der Patientin. Der Verzicht auf spermizide Verhütungsmittel hat dabei noch die höchste Expertenzustimmung.

Fazit 

Um betroffene Frauen optimal zu versorgen, kommt der gemeinsamen Entscheidungsfindung eine zentrale Bedeutung zu. Trotz der – mit Ausnahme von Cranberry-Präparaten – stark begrenzten Beweislage bleiben Verhaltensänderungen und Supplemente als Antibiotika-sparender Versuch essenziell und sollten gegenüber der Patientin transparent kommuniziert werden.

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